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Tageszeitung "Der Patriot vom 13.3.19 / Marcel Mund

Beeindruckender Boatpeople-Film

Es ist vollbracht: Neuntklässler des Friedrich-Spee-Gymnasiums haben ihren Film über die sogenannten Boatpeople fertiggestellt und beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten eingereicht. Was bereits beim Betrachten der ersten Sekunden des Films auffällt: Die Dokumentation ist äußerst aufwendig produziert.

Es ist der stellvertretende Schulleiter Ottmar Goy, dem die Zuschauer zu Beginn des Films über die Schulter schauen. Ganz dicht bewegt sich die Kamera hinter ihm her, während er durch ein Treppenhaus und einen Flur des Gymnasiums geht und schließlich in einem kleinen Raum, offenbar ein Archiv, landet und dort aus einem Fundus an Kunstwerken zu einem bestimmten Bild greift. Das Bild hat ein Vietnamese, der einst Schüler des Gymnasiums war, gemalt, wie Goy erklärt. Diese einfache Szene wirkt so stimmig und der Zuschauer ist so nah dran, dass man, wenn man es nicht besser wüsste, glauben könnte, hier einen professionellen Film im Fernsehen zu sehen.

Wettbewerb ist anspruchsvoll

"Wir hatten das Glück, einen Schüler dabei zu haben, der sich mit Filmaufnahmen auskennt", erzählt Lehrer Marc Eigendorf, der selbst kaum glauben kann, wie gut die Aufnahmen geworden sind. "Ich bin umgefallen, als ich gesehen habe, was aus dem Film geworden ist."

Diese Professionalität in den Aufnahmen setzt sich in den übrigen 30 Minuten des Films fort. Es gibt Interviews, die gekonnt ausgeleuchtet und mit Zwischenbildern unterfüttert werden, Drohnenflüge mit der Kamera über Rüthen und das Gymnasium, dazu einiges an Fernseh-Archivmaterial, um die Geschichte der Boatpeople zu erklären. "Der hat da wirklich unzählige Stunden reingesteckt. Wenn man so jemanden dabei hat, ist das natürlich Goldwert", sagt Eigendorf, der zusammen mit seiner Kollegin Monika Pickmeier die insgesamt 14 Neuntklässler bei der Erstellung des Films angeleitet hat.

"Von Vietnam ins Sauerland - Als ,boat people' in Rüthen Abitur machten", heißt der Film, mit dem sich die Schüler am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten beteiligen (siehe Infokasten). Dafür recherchierten sie seit September vergangenen Jahres umfassend, suchten Zeitzeugen, durchsuchten Archivdokumente und kümmerten sich um aussagekräftige Filmaufnahmen. "Der Wettbewerb ist tatsächlich sehr anspruchsvoll", sagt Eigendorf. "Er fordert die Schüler dazu auf, sich echte Gesprächspartner zu suchen und in Archive zu gehen."

Doch wer sind eigentlich diese Boatpeople und warum haben sich die Schüler gerade für dieses Thema entschieden? Bei den Boatpeople (englisch "boat people" für Bootsmenschen, freier Bootsflüchtlinge) handelte es sich in den 1970er- und 80er-Jahren um Menschen meist vietnamesischer Herkunft, die nach dem Vietnamkrieg in Südostasien vor dem Terror des siegreichen kommunistischen Regimes flohen und unter anderem in Deutschland Zuflucht fanden. Auch in der Rüthener Geschichte spielten die Boatpeople eine Rolle: Mehr als 40 vietnamesische Flüchtlinge lebten über mehrere Jahre im ehemaligen Schülerheim St. Petrus Canisius gegenüber des Friedrich-Spee-Gymnasiums. Dort legten die neuen Rüthener Mitbürger das Abitur ab.

"Das ist alles ein wenig in Vergessenheit geraten", sagt Geschichtslehrer Marc Eigendorf, der das Schicksal der Vietnamesen schon seit längerer Zeit mal in Angriff nehmen wollte. Als das Thema des diesjährigen Geschichtswettbewerbs feststand ("So geht's nicht weiter. Krise, Umbruch, Aufbruch") und im vergangenen Jahr ein Denkmal für die Boatpeople im Schulpark des Rüthener Gymnasium aufgestellt wurde, war für ihn und die Schüler klar, welches Thema sie verfilmen wollen.

Wie aber an Zeitzeugen gelangen? Zum einen hatten die Schüler das Glück, einige direkt in Rüthen vorzufinden. Neben Lehrer Ottmar Goy berichten im Film auch der ehemalige Schuldirektor Hans-Günther Bracht und der heutige Lehrer und damalige Schüler Daniel Rikus über das Zusammenleben und die pädagogische Arbeit mit den vietnamesischen Schülern.

Zum anderen verfügte Lehrer Marc Eigendorf über einen Kontakt ins Staatsarchiv in Hamburg. Das vermittelte den Schülern nicht nur vier vietnamesische Zeitzeugen für Interviews, sondern lud sie auch ein, nach Hamburg zu kommen und dort zu drehen. Denn in Hamburg kamen die vietnamesischen Flüchtlinge auf ihrer Flucht einst an. "Für die Schüler war das natürlich toll, während der Schulzeit drei Tage nach Hamburg zu fahren", sagt Eigendorf. "Abends waren sie allerdings auch ziemlich groggy." Sie besuchten etwa den Friedhof Öjendorf, wo zahlreiche ehemalige Hamburger Bürger mit vietnamesischen Wurzeln begraben sind. Für gutes Filmmaterial drehten sie außerdem am Rathaus, der Innenstadt und an den Landungsbrücken.

Im Staatsarchiv recherchierten sie nicht nur in Quellenmaterial der 70er- und 80er-Jahre, sondern hatten auch Gelegenheit, Vertreter des "Vereins vietnamesischer Flüchtlinge" über die Bedingungen der Überfahrt und ihre Rettung nach Deutschland zu interviewen. Eindrucksvoll und bewegend erzählen sie von ihrer Flucht.

Es gibt im Film auch witzige Momente, etwa als ein Vietnamese erzählt, wie er damals das gesamte Französischbuch auswendig gelernt und nebenbei Bier getrunken habe. "Da habe ich in Französisch sehr gute Noten geschrieben. Ich glaube, das war eine sehr gute Lernmethode", berichtet lachend Kin Toai Pham, der 1985 sein Abitur in Rüthen gemacht hat.

Für die Schüler war es etwas vollkommen Neues, solche Interviews zu führen. "Es war eine Herausforderung für sie, die Gespräche zu moderieren. Aber sie haben das super gemacht", lobt ihr Lehrer Eigendorf.

In den kommenden Wochen heißt es nun Daumen drücken für ein gutes Abschneiden beim Geschichtswettbewerb. Ende Mai werden alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer über ihr Abschneiden beim Wettbewerb benachrichtigt. Anfang Juni werden die Preisträgerinnen und Preisträger zunächst auf Landesebene bekanntgegeben. Im Sommer werden schließlich die besten Arbeiten auf Landesebene ausgezeichnet, bevor im November die Bundessieger in Berlin durch den Bundespräsidenten geehrt werden.

Das Gymnasium war bereits beim Wettbewerb 2017 erfolgreich: Einen dritten Platz räumte der Film "Glaube oder Gehorsam? Euthanasie und Widerstand in der Provinzialheilanstalt Warstein" auf Bundesebene ab und wurde Landessieger.

Öffentliche Vorführung geplant

Wer den Film selbst einmal sehen möchte, ist entweder auf die geplante öffentliche Vorführung angewiesen oder kann ihn beim Friedrich-Spee-Gymnasium anfordern. Weil in der Dokumentation unter anderem Material vom WDR verwendet wird, darf der Film nicht einfach im Internet weiterverbreitet werden. Öffentlich zu sehen sein soll der Streifen entweder beim Schul-Sommerfest oder vielleicht schon im Frühjahr. Dann will ein Vietnamese, der einst an der Schule in Rüthen war und heute in Hessen wohnt, möglicherweise die Bergstadt besuchen, wie Eigendorf berichtet. Denkbar wäre laut dem Geschichtslehrer dann auch eine Podiumsdiskussion zum Thema.

Wettbewerb des Bundespräsidenten

Der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten, organisiert von der Körber-Stiftung, ist nach eigenen Angaben der größte historische Forschungswettbewerb für junge Menschen in Deutschland. Er will bei Kindern und Jugendlichen das Interesse für die eigene Geschichte wecken, Selbstständigkeit fördern und Verantwortungsbewusstsein stärken. Ausgeschrieben wird der Geschichtswettbewerb zu wechselnden Themen in einem zweijährigen Turnus. Das Thema in diesem Jahr lautet "So geht's nicht weiter. Krise, Umbruch, Aufbruch". Insgesamt beteiligen sich daran mehr als 5500 Kinder und Jugendliche mit rund 2000 Beiträgen. Es ist laut den Organisatoren die beitragsstärkste Ausschreibung seit 1993.

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Kin Toai Pham erzählt von seiner Zeit in Rüthen, als er am Friedrich-Spee-Gymnasium Abitur gemacht hat. Foto: Mund

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Die Schüler besuchten in Hamburg unter anderem den Friedhof Öjendorf. Foto: FSG

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