„Spectaculum“

Männermacht siegt über Frauenherz

Westfalenpost, abgerufen am 03.06.2012 | 20:13 Uhr

Umjubelte Premiere: Die Theatergruppe Spectaculum begeistert mit Shakespeares Sommernachtstraum.
Rüthen. Fein gezeichnete Charaktere, ein geübter Blick für die richtige Besetzung der Rollen, eine schwungvolle Inszenierung – ein Garant für beste Unterhaltung auf hohem kulturellen Niveau sind die Aufführungen der Gruppe „Spectaculum“ von Regisseur Hermann Bertling.
Auch bei William Shakespeares Komödie „Ein Sommernachtstraum“, die am Samstag in der Aula des Friedrich-Spee-Gymnasiums Premiere feierte, hat der Regisseur wieder viel Herzblut in die Inszenierung gelegt. Arbeit, die sich gelohnt hat. Die Besucher in der ausverkauften Aula erlebten eine von Spielfreude sprühende Komödie, deren ernste Untertöne von den Darstellern bestens herausgearbeitet wurden.

Denn Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ ist nicht nur eine Komödie, die die Irrungen und Wirrungen der Liebe zum Thema hat, sie ist mehr als das Geschehen in einer Sommernacht, in der die Elfen ihren Schabernack mit den Menschen treiben, die sich im Wald verirrt haben. Sie ist auch eine Kritik am Patriarchat, an der Herrschaft der Männer, denen sich die Frauen bedingungslos unterwerfen sollen.
Plakativstes Beispiel: Die Hochzeitsvorbereitungen und -feier von Theseus (Jan Schmücker) und Hippolyta (Sabrina Böhme), der Königin der Amazonen, die quasi den Rahmen für die weitere Handlung bilden. Mit dem Schwert hat Theseus die einst stolze Königin besiegt, die neben ihm distanziert und kühl wirkt.
Vor dieses Herrscherpaar tritt Egeus (Marc Wiesniewski), der Vater Hermias, der seine Tochter mit Demetrius (Marc Römer) verheiraten möchte. Diese jedoch liebt Lysander (Benedikt Menke) und widersetzt sich ihrem Vater. Ein Vergehen, dass mit dem Tode bestraft werden könnte. „Besser wär’s, du sähest mit deines Vaters Augen“, warnt Theseus und spricht Hermia damit jeden eigenen Willen ab.
Ausdrucksstark spielte Laura Flormann die Rolle Hermias und Julia Krüper die Rolle der Helena, die in Liebe entbrannt ist zu Demetrius. Der wiederum fühlt für die liebestolle Frau, die sich selbst erniedrigt und ihre eigenen Bedürfnisse verleugnet, nur Verachtung: „Du ekelst mich an.“ Reizvoller ist für ihn Hermia, die selbstbewusste Frau, die lieber sterben will als einen ungeliebten mann zu heiraten. Beide Darstellerinnen zeigten eine große Wandlungsfähigkeit von Liebe und Verzweiflung bis zu Wut und Schmerz.
Und beide bleiben auch im Zauberwald ihren Gefühlen treu, während sich Demetrius und Lysander durch den Saft der Zauberblume, den ihnen der Kobold Puck auf die Augen streicht, vollkommen verwirren lassen.
Hintersinniger Humor gepaart mit Bösartigkeit sind die Eigenschaften, die den von Martin Lopattschenko gespielten Puck auszeichnen. Wie ein Irrwisch tanzte Lopattschenko über die Bühne, wirbelte nicht nur die unwirklich entrückt tanzenden Elfen wie ein entfesselter Dirigent durcheinander, sondern auch das Liebesleben der menschlichen Paare.
Ungeschminkte Wahrheit
Nicht ganz unschuldig daran: Elfenkönig Oberon (majestätisch und kraftvoll: Daniel Berghoff) und seine Königin Titania (Chantal Meschede), mit der er zerstritten ist. Auch sie will sich nicht ihrem Mann unterwerfen und bekommt dessen Macht – oder besser die der Zauberblume – zu spüren: Sie verliebt sich in den in einen Esel verwandelten, beschränkten, aber sehr von sich überzeugten Handwerker Zettel (Jan Figura). Dieser probt zusammen mit seinen Kumpanen ein Theaterstück für die Hochzeit von Theseus und Hippolyta im Wald.
Diese in ihren Charakteren überzeichneten Handwerker machen den komödiantischsten Part der Handlung aus. Ihre Tollpatschigkeit und Unbedarftheit täuschen aber nicht darüber hinweg, dass auch das von ihnen aufgeführte Stück „Pyramus und Thisbe“ einen ernsten Hintergrund hat: Beide sterben wegen ihrer Liebe.
Das letzte Wort im „Sommernachtstraum“ gebührte Puck, der das gesamte Spiel als (Alp-)Traum entlarvte. Oder zeugte es doch von der ungeschminkten Wahrheit?
Mit donnerndem Applaus feierten die Besucher ein starkes Ensemble und einen begnadeten Regisseur, die gemeinsam wirklich für einen sehr unterhaltsamen Abend sorgten und gleichzeitig zum Nachdenken anregten – über Männer, Frauen und die Wirrnisse der Liebe.


Tanja Frohne

 

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