Auf den Spuren eines Unterdrückungssystems

FSG-Schüler erforschen DDR-Geschichte

„Schon paradox, dass es heute wieder Politiker gibt, die meinen, mit einem Mauerbau Probleme lösen zu können.“ Die Schüler des Rüthener Friedrich-Spee-Gymnasiums stehen mit Referent Karsten Krieger vor vier Koffern mit spärlichem Inhalt. Flüchtlingen gelang kurz vor dem Bau der Berliner Mauer 1961 durch den Bahnhof Friedrichstraße die Flucht in den Westen. „Tränenpalast“, sagte der Volksmund. Deutsche aus Ost und West vergossen hier nach dem Mauerbau viele Tränen. Zu ungewiss war, wann und ob ein nächster Besuch möglich sein würde.

Ungarn und die USA sind nur zwei Beispiele für den aktuellen „Trend“ zum Mauerbau: Doch was die Entscheidung für eine Mauer tatsächlich bedeuten kann, erfahren die 25 Zwölftklässler des FSG auf ihrer viertägigen Studienfahrt zur DDR-Geschichte, die zum jährlichen Angebot der Schule für den Abiturjahrgang gehört, immer wieder. Am Checkpoint „Bravo“, dem früheren Grenzkontrollpunkt Dreilinden, an dem die Ein- und Ausreise über die Transitautobahn in die Bundesrepublik erfolgte, begegnen sie mit ihren Lehrern Marc Eigendorf und Monika Pickmeier der Geschichte von Christian Buttkus, der 1965 im Alter von 21 Jahren beim Fluchtversuch erschossen wurde. 25 Projektile trafen ihn. Sie erfahren von Lothar Schleusener und Jörg Hartmann, die im Grenzgebiet von Berlin-Treptow im Alter von 12 und 10 Jahren erschossen werden. Beim Versuch, Jörgs Vater im Westteil der Stadt zu besuchen, waren sie in den Grenzstreifen geraten, unwissend, dass es ein „Todesstreifen“ war. An der Gedenkstätte Be rliner Mauer in der Bernauer Straße begegnet den Schülern aber auch die Geschichte des fünfjährigen Cetin Mert aus West-Berlin. Beim Ballspielen fällt er in die Spree – und damit auf DDR-Gebiet. Die DDR-Grenzpatrouillen greifen nicht ein, die West-Berliner Feuerwehr hat Angst, DDR-Territorium zu betreten. Das herbeigerufene Rettungsboot kann Cetin nach einer Stunde nur noch tot aus dem Wasser bergen. Es ist der 11. März 1975. Es ist Cetins fünfter Geburtstag.

Mit der Organisation, die hinter den DDR-Grenztruppen steht, beschäftigen sich die Rüthener Gymnasiasten besonders intensiv: Das „Ministerium für Staatssicherheit“, im Volksmund auch „VEB Horch und Guck“, „die Firma“ oder schlichtweg „Stasi“ genannt, überzog die DDR mit einem Netz aus über 250.000 inoffiziellen und hauptamtlichen Mitarbeitern. In Berlin-Lichtenberg besuchen sie die ehemalige MfS-Zentrale: Das Arbeitszimmer von Minister Erich Mielke, Spionage- und Überwachungstechnik, aber auch die systematische Bespitzelung von Kindern und Jugendlichen stehen auf dem Programm. Was denjenigen blüht, die sich im DDR-Sozialismus eine eigene und womöglich kritische Meinung bilden, die der Staatspartei SED nicht passt, erleben die FSG-Schüler beim Besuch im Stasi-Untersuchungsgefängnis in Berlin-Hohenschönhausen. Dauerhafte Isolation, stundenlange Vernehmungen mit Schlafentzug, Verhinderung von nächtlichem Tiefschlaf über Monate – die Methoden psychischer Folter riefen immer wiede r ungläubiges Kopfschütteln hervor.

Alles Schnee von gestern? Sicher nicht. Den Abschluss bildete ein Besuch in der Stasi-Unterlagen-Behörde. Bis heute ermöglicht sie Antragsstellern die Einsicht in ihre Stasi-Akten und sorgt für Aufklärung darüber, wer aus dem Familien-, Freundes- oder Kollegenkreis für das MfS spitzelte. „Über 900 Millionen Blatt Papier hat das MfS in 40 Jahren DDR produziert“, erläutert Referentin Bettina Altendorf im „Kupferkessel“. Es ist der Keller der Unterlagenbehörde, wo noch immer viele Hundert Regalmeter unbearbeiteter Spitzelberichte lagern – wie eine Warnung an all’ die Politiker, die glauben, dass Überwachung und Unterdrückung Andersdenkender Probleme löst.


Gelöste Stimmung trotz eines ernsten Themas: 25 FSG-Schüler im ehemaligen Arbeitszimmer des früheren Stasi-Ministers Erich Mielke.

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