Auf der Spur der Stolpersteine - ein Reisebericht

Schüler des FSG folgen dem Weg jüdischer Bürger aus Rüthen bis nach Auschwitz.

„Wer sich nicht mit der Geschichte beschäftigt, ist dazu verdammt sie zu wiederholen.“ Dieses Zitat steht über dem Eingang einer der Häftlingsbaracken im Konzentrationslager Auschwitz. Und wir, 16 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe Q1 und die uns begleitenden Lehrer Sebastian Wachsmuth und Christian Neuhaus, nahmen diese Mahnung ernst und machten uns für vier Tage auf den Weg zu einem der grausamsten Schauplätze der Geschichte. Unser Weg führte über Berlin nach Auschwitz.

Um uns auf die Fahrt, vorzubereiten, trafen wir uns zum ersten Mal zwei Wochen vor Abfahrt. Neben der Klärung organisatorischer Fragen näherten wir uns dem Thema mit dem Besuch der Stolpersteine in Rüthen an, die als Erinnerung an deportierte und ermordete jüdische Mitbürger in den Bordstein eingelassen wurden. Die Biographien der Rüthener Juden machten uns deutlich, wie nah und greifbar der ansonsten recht abstrakte Begriff des Holocaust auch hier vor Ort ist und bot einen guten Einstieg in das Thema. Zurück in der Schule sprachen wir über unsere Motive, Erwartungen und Befürchtungen. Einige von uns wussten schon einiges über Auschwitz und hatten sich von den Teilnehmern der Fahrt im letzten Jahr von deren Erfahrungen erzählen lassen, so dass die Sorge vor heftigen Eindrücke geäußert wurde. Insgesamt zeigte sich eine geschichtsinteressierte Gruppe, die trotz einigen Vorwissens noch viele Fragen an Auschwitz hatte. Daher wurden auch die zur Vorbereitung ausgehändigten Medien – Sachbücher, Romane, Comics und Filme – mit viel Engagement gelesen bzw. geschaut.

Erwartungsvoll und mit gemischten Gefühlen fuhren wir schließlich mit zwei Kleinbussen Richtung Berlin. Warum ausgerechnet in die Hauptstadt? Zum einen, weil sie ungefähr auf halber Strecke auf dem Weg nach Auschwitz liegt. Zum anderen aber ist Berlin ja der Ausgangspunkt des Holocaust und daher führte uns unser straffes Programm direkt an den Ort, wo die „Endlösung der Judenfrage“ geplant wurde: In einer beschaulichen Villa am Wannsee begrüßte uns unser italienischer Guide und führte uns direkt in den Raum, wo sich am 20. Januar 1942 hochrangige Vertreter der SS und verschiedener Ministerien zu einer nur rund 90-minütigen Besprechung trafen, um die organisatorischen Details zur Deportation und Ermordung möglichst aller Juden Europas zu erörtern. Nach dem etwas gruseligen Moment, genau an dem Ort zu sitzen, wo vor rund 74 Jahren die Planer des Völkermordes tagten, teilten wir uns in fünf Gruppen auf, die sich dann als „Spezialisten“ mit einem Bereich der Ausstellung beschäftigen sollten. Anschließend stellten wir uns gegenseitig in einer wechselseitigen Führung diese Aspekte vor, die vom Leben der Juden in Deutschland vor 1933 über den Antisemitismus und die Ideologie des Nationalsozialismus bishin zu deren Umsetzung ab 1933 bis zur im Haus der Wannseekonferenz geplanten „Endlösung der Judenfrage“ reichten. Dieses Grundlagenwissen war sehr hilfreich, um die nächsten Etappen unserer Reise in Angriff zu nehmen und besser zu verstehen.

Nachdem wir im Hotel „Citylight“ in Berlin eingecheckt haben, führte unser Weg über das Brandenburger Tor zum Mahnmal für die ermordeten Juden Europas. Das von Peter Eisenmann entworfene Holocaust-Mahnmal wurde 2005 eingeweiht. Es besteht aus 2711 Quaderblöcken, welche nebeneinander in unterschiedlichen Größen aufgereiht sind. Es besteht die Möglichkeit, in das Denkmal einzutreten und es aus allen Perspektiven zu betrachten.
Neugierig betraten wir das Mahnmal und fühlten uns wie in einem Labyrinth; die begehbaren Gassen zwischen den Steinen waren sehr eng. Außerdem wurden die sogenannten Stelen immer höher, je tiefer man ins Innere des Kunstwerkes schritt. So entstand auch durch ihre kaum merkbare Neigung ein Gefühl eines beengten Labyrinths. Der Künstler selber sagte, er wolle diese Wirkung durch die graue Farbe der Betonblöcke unterstreichen, sie stehe für die verbrannte Asche aller jüdischen Opfer.
Insgesamt löste die Gestaltung der Gedenkstätte unterschiedliche Eindrücke bei allen Beteiligten aus, die von der Assoziation mit Hochhäusern einer Großstadt über Kasernen bis hin zu Gräbern der ermordeten Juden reichten.
Die Frage, ob und wie ein Mahnmal dem Schrecken des Holocausts gerecht werden kann, diskutierten wir anschließend und hatten dabei zum Teil sehr unterschiedliche Auffassungen. So erörterten wir auch alternative Ideen zur Gestaltung des Eisenmann-Mahnmals und verglichen sie auch mit den Stolpersteinen, die am Beginn unserer Fahrt standen. Nach diesem nachdenklichen Auftakt machten wir uns auf den Weg zum Prenzlauer Berg, wo wir uns auf Nahrungssuche machten und den Abend gemeinsam bei guter Stimmung im Biergarten ausklingen ließen.

Am nächsten Morgen machten wir uns dann auf den Weg nach Polen. Nach rund zwei Stunden Fahrt überquerten wir die polnische Grenze und bemerkten ziemlich schnell, dass unsere Reise nicht nur eine Achterbahn der Gefühle, sondern auch eine buchstäbliche Berg- und Tal- Fahrt in Form von zahlreichen Schlaglöchern auf der polnischen Autobahn war. Glücklicherweise erstreckte sich diese holprige Strecke nur über einige Kilometer. Während einer kurzen Pause an einer Raststätte hatten wir die Möglichkeit unser Geld in polnische Zlotys umzutauschen. Wir erreichten das Piaskowy Hotel im schlesischen Psyczyna gegen 16 Uhr. Nach dem Einchecken hatten wir die Möglichkeit uns von der langen Fahrt auszuruhen und machten uns dann auf den Weg in die Altstadt. Auf dem Weg machten wir einen kurzen Halt am Schloss von Pszczyna, das bis 1918 den deutschen Namen Pleß trug. Darauf folgte ein gemeinsames und gemütliches Essen in einer Pizzeria am schönen Marktplatz der Stadt, wo wir den Abend in Ruhe ausklingen ließen. Dieser erste Abend in Polen war von einem ungewohnten und respektvollen Gefühl im Hinblick auf den am nächsten Tag anstehenden Besuch des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz geprägt.

Für den Mittwoch, unserem zweiten Tag in Polen, war schließlich der Besuch im Konzentrationslager Auschwitz geplant. Es war bereits morgens sehr warm und sonnig und so machten wir uns mit Sonnencreme und reichlich Wasser in den Rucksäcken auf den Weg ins nahe gelegene Oswiecim, dem Ort, wo das einstige KZ liegt.
Wir steuerten zuerst die sogenannte „Judenrampe“ an, der frühere „Bahnhof“ nahe dem Lagerteil Birkenau, an welchem die Menschen aus vielen Ländern Europas ankamen und „selektiert“ wurden. Die Vorstellung, dass an diesem Ort Familien brutal getrennt und hunderttausende Menschen in den Tod geschickt wurden, schockierte uns alle. Überfüllte Züge brachten die Menschen aus allen von den Deutschen besetzten Ländern Europas in die Vernichtungslager. Die Viehwaggons waren weder mit Essen, sanitären Anlagen oder genügend Platz zum Sitzen ausgestattet, so dass viele Menschen bereits auf der langen Reise starben.
Bei Ankunft der Juden wurden diese nach Alter, Geschlecht und gesundheitlichem Zustand „selektiert“. SS-Ärzte entschieden mit einem kurzen Blick über Leben und Tod, eine Selektion dauerte nicht länger als 20 Minuten.

Nach der Besichtigung der „Rampe“ fuhren wir zum Konzentrationslager Auschwitz II (Birkenau), in welchem während des Holocausts auf dem 1,7 Quadratkilometer großen Gelände ungefähr 1,1 Millionen Menschen ums Leben kamen. Nach dem Verlassen des nahe gelegenen Parkplatzes gingen wir durch das Haupttor des ehemaligen Konzentrationslagers, wo dann unser Weg durch das Lager begann. Wir liefen an den Schienen entlang und nahmen dabei den selben Weg, der die Menschen früher in den sicheren Tod führte. Denn am Ende dieses Weges standen die Gaskammern und Krematorien, die heute Ruinen sind, da sie von der SS zur Beweisvernichtung gesprengt wurden.
Direkt zwischen den Ruinen befindet sich das Denkmal zur Erinnerung an die Ermordung von Millionen Angehörigen verschiedener Minderheiten während der NS-Herrschaft. Dort treffen sich jährlich am Tag der Befreiung des Lager, dem 27. Januar, die Überlebenden, um an die Schrecken des Holocaust zu erinnern.

Dadurch, dass wir die Möglichkeit hatten, am Vormittag zuerst alleine nur in unserer Gruppe das Lager Birkenau zu besichtigen, konnten wir uns langsam an alles herantasten und erste Eindrücke sammeln, bevor wir am Nachmittag in die Führung durch Auschwitz gingen. Es ging uns sehr nahe, die Orte in Realität zu sehen, wo so viele Morde geschehen sind.
Den Kopf voll mit diesen Eindrücken, suchten wir uns gegen Mittag einen kleinen Park in der Nähe, um dort gemeinsam zu picknicken. Wir nutzten die Gelegenheit, um uns von den Büchern und Filmen zu erzählen, welche wir vor der Fahrt gelesen oder geschaut hatten.

Am Nachmittag machten wir uns schließlich auf den Weg zum Museum Auschwitz, dem Lager Auschwitz I. Dort wurden wir von unserer netten Führerin Marta empfangen, die uns die Konzentrationslager Auschwitz und Birkenau mit vielen Erklärungen zeigte. Wir betraten das Lager durch das berühmte Tor mit der zynischen Inschrift „Arbeit macht frei“, neben dem einst das Häftlingsorchester Musik spielen musste, wenn die Menschen zur Zwangsarbeit ziehen mussten und abends erschöpft zurückkehrten. Wir erfuhren, unter welchen unmenschlichen Bedingungen die Häftlinge leben mussten. So zeigte uns unsere polnische Führerin die Wohnbaracken und Latrinen der damaligen Gefangenen, was uns einen Einblick in die Härte der Gefangenschaften in Auschwitz verschaffte, die aus Hunger, Enge, keinerlei Privatsphäre, schlechten Hygienebedingungen und Schmerzen bestand.
Durch die Konfrontation mit Auschwitz als Ort, an dem so viel schreckliches geschah, schauen wir alle aus einem neuen Blickwinkel auf die Geschichte zurück. Selbst über den Weg der Opfer, die Bahnschienen zu gehen, oder selbst in einer Baracke oder sogar einer der Gaskammern zu stehen, in denen so viele Menschen ermordet wurden, hat diese für uns so fern liegenden Geschehnisse in der Geschichte ganz nah kommen lassen. Dadurch wurde uns auch dieses bislang unvorstellbare Ausmaß immer mehr bewusst. Vor allem, als wir mit den Massen an Gegenständen wie Kleidung, Schuhe, Prothesen oder Koffern der Opfer und sogar den abrasierten Haaren der Frauen konfrontiert wurden, bekamen wir eine Vorstellung von den grausamen Taten, die nicht mehr aus dem Kopf geht. Schockiert hat uns vor allem die totale Ausbeutung und die Effektivität, mit der die SS und ihre Helfer vorgingen, um die Juden zu ermorden und dabei noch einen maximalen Profit zu erreichen.
Besonders die Fotos der KZ-Häftlinge, gerade die der Kinder, gaben den Opfern individuelle Gesichter und erzeugten erschreckendende und traurige Gefühle. Unsere Führerin Marta hat die Führung durch die Lager sehr spannend, aber auch emotional und mitfühlend gestaltet, wobei immer wieder auch ihre polnische Perspektive deutlich wurde.

Während wir uns in der Hitze schon mühselig durch das Lager bewegt und uns beklagt haben, ist es noch unvorstellbarer für uns, wie die Opfer von damals empfunden haben müssen, die bei jedem Wetter schwer arbeiten mussten und gequält wurden.
Im Anschluss an die Führung gingen wir ein letztes Mal durch das Lagertor hinaus, ein Weg, den die meisten der Gefangenen nie wieder gingen. Sie wurden entweder in den Gaskammern ermordet oder durch die Arbeit „vernichtet“.
Die Besichtigung war definitiv eine Erfahrung wert und uns allen ist bewusst geworden, dass die Geschichte von Auschwitz niemals in Vergessenheit geraten darf.

Nachdem wir den ganzen Tag in Auschwitz verbracht hatten, fuhren wir zu unserem letzen gemeinsamen Abend in Polen in die Stadt Bielsko. Dort aßen wir in etwas gedrückter Stimmung unser langersehntes Mahl. Die Eindrücke des Tages hatten uns alle geschafft und so kamen erst nach und nach Gespräche auf.

Am Donnerstag traten wir dann die Heimreise an. Auf der Rückfahrt, bei der wir auch eine längere Pause in Dresden einlegten, war es sehr ruhig in den Bussen. Wir hatten Zeit unsere Gefühle und Gedanken zu sammeln. Die Konfrontation mit Auschwitz war bewegend und hat uns das wirkliche Ausmaß des Völkermordes an Juden und Sinti und Roma wirklich bewusst gemacht. Auch die Gespräche bei unserem Nachbereitungstreffen am Freitag zeigten, dass wir alle viele Eindrücke mitgenommen haben, die uns wohl noch einige Zeit beschäftigen werden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es sich wirklich gelohnt hat, diesen langen Weg auf uns zu nehmen. Die Erkundung war erschreckend und teilweise sehr emotional, jedoch hat sie uns viele Erfahrungen fürs Leben gebracht. Durch die Konfrontation mit Auschwitz als Ort, an dem so viel schreckliches geschah, schauen wir alle aus einem neuen Blickwinkel auf die Geschichte. Selbst über den Weg der Opfer entlang der Bahngleise zu den Gaskammern zu gehen, in einer Baracke oder sogar einer der Gaskammern zu stehen, in denen so viele Menschen ermordet wurden, hat diese für uns so fern liegenden Geschehnisse in der Geschichte ganz nah kommen lassen. Und obwohl es ein schweres Thema war, hatten wir in unserer bunt gemischten Gruppe insgesamt aber auch eine Menge Spaß – vielleicht, weil uns das gemeinsam Erlebte auch besonders verbindet. Es war eine unvergessliche Fahrt!

 

 

 

Homepage-Archiv

Das Friedrich-Spee-Gymnasium ist seit 1997 im Internet präsent. Hier finden Sie die früheren Versionen unserer Homepage. Sie erhalten einen Eindruck davon, wie Internetseiten in der Vergangenheit gestaltet wurden, als die Übertragungsgeschwindigkeiten im Netz noch nicht so komfortabel waren wie heute. Die Ehemaligen werden sich erinnern...

Archiv

Im Archiv finden Sie alle Beiträge, die mit dem aktuellen Redaktionssystem erstellt wurden. Es reicht bis ins Jahr 2008 zurück. Viel Spaß beim Durchstöbern und Erinnern...