Die Entwicklung in der Weimarer Republik

Die Professionalisierung der Volksschullehrerausbildung - das Abitur wurde z.B. zu einer Aufnahmevoraussetzung gemacht - führte zu Beginn der 20er Jahre zum Abbau der zahlreichen Lehrerseminare. Als das Rüthener Seminar 1926 schließen musste, hatten 1462 Seminaristen die Befähigung zur Anstellung im Volksschuldienst erworben. Das Bemühen um einen Ersatz hatte 1926 Erfolg. Auf Initiative des geistlichen Prorektors Eisenhut - eines führenden Mitglieds im Rüthener Zentrum - und mit Unterstützung durch den Oberschulrat Hellwig aus dem Provinzialschulkollegium Münster erhielt Rüthen als eine der letzten Schulen in Preußen eine höhere Schule in Kurzform, die "Staatliche Oberschule in Aufbauform", eine sogenannte Aufbauschule.

Diese neue Form - aus kulturpolitischen Motiven besonders auf dem Lande eingerichtet - baute auf einer siebenjährigen Volksschulzeit auf und vermittelte begabten Schüler(inne)n in sechs Jahren das Abitur. Inhaltlich wurde die Schule in Rüthen als "Deutsche Oberschule" geführt. Sie war damit deutschkundlichen Vorstellungen verpflichtet und sollte vor dem Hintergrund des verlorenen Krieges und der aus kulturkritischer Sicht als eher dekadent eingeschätzten Entwicklung in den Großstädten als bäuerlicher "Jungbrunnen" fungieren, aus dem das Volk "immer wieder das reine Quellwasser seiner völkischen Ursprünglichkeit schöpfen" könne. Die angesichts einer starken Lehrerfluktuation schwierige Aufbauphase ab 1926 oblag dem geistlichen Studienrat Philipp Schniedertüns. Ihm gelang es, die Akzeptanz der Schule in der Bevölkerung weitgehend zu sichern und damit ihre offizielle ministerielle Anerkennung zu erhalten. Nach einer Aufnahmeprüfung begannen 1926 in der Untertertia 16 Jungen und 4 Mädchen. Nur über die - kirchlicherseits abgelehnte - Koedukation konnten angemessene Schülerzahlen erreicht werden. Während die Unterrichtsinhalte eher kulturpessimistisch und konventionell waren, fielen die Mädchen aber im Turnunterricht durch selbst genähte Hosen auf, erregten sie in der Kleinstadt Aufsehen bei Schwimmübungen in der Möhne oder auch durch Bubikopf-Frisuren.

Klareres Profil gewann die Schule ausweislich der Revisionsbesuche des Schulkollegiums ab 1930 durch Schniedertüns' Nachfolger, den besonders literarisch und musisch gebildeten Studiendirektor Dr. Hans Fluck, der ihre Konsolidierung 1932 mit dem ersten Abitur abschloss. Aus der Eingangsklasse erhielten drei Mädchen und sieben Jungen das Abitur. Unterstützt besonders vom geistlichen Studienassessor Dr. Wilhelm Kahle entwickelte sich die Stadt auch durch die Aufbauschule - 1931 mit 70 Jungen und 24 Mädchen in sechs Klassen - zu einem kulturellen Zentrum im südlichen Kreis Lippstadt. Die starke literarische Ausrichtung des Deutschunterrichtes mit einem großen Lektürepensum, die schriftliche Abiturprüfung auch im Fach Geschichte oder Erdkunde, das Angebot von philosophischen, deutschkundlichen, naturwissenschaftlichen und musischen Arbeitsgemeinschaften und die Öffnung der Schule nach außen über Theaterstücke, Musikabende und naturwissenschaftliche Vorträge sowie die katholische Prägung des Unterrichtes und des Schullebens sicherten das Ansehen der Schule in der Bevölkerung. Daher waren den Jungen sonntägliche Fußballwettkämpfe verboten und die Teilnahme der Mädchen an den üblichen nächtlichen Feiern nicht gern gesehen.

So hieß es in eine Mitteilung des Schulleiters, die den "guten Ruf der Anstalt" schützen sollte, an einen Vater: "Am Montag dieser Woche hat die UI unserer Schule eine Klassenfeier veranstaltet, die sich bis 2 Uhr nachts ausgedehnt hat. An dieser Feier haben Lehrer oder andere Respektspersonen nicht teilgenommen. Wir gönnen der Jugend von Herzen einige freundliche Stunden, aber es entspricht den einfachsten Forderungen des Taktes, dass eine Veranstaltung dieser Art unter Aufsicht verantwortungsbewusster Personen vor sich geht. Es erfüllt mich daher mit Schmerz, erfahren zu müssen, dass auch Ihre Tochter Maria sich bis zum Schluß an der Klassenfeier beteiligt hat, und ich kann nicht glauben, dass dieses Verhalten Ihre Billigung findet. Wenn ich auch zu der sittlichen Haltung Ihrer Tochter ein unbegrenztes Vertrauen habe, so sind solche Vorkommnisse geeignet, den Gegnern der Gemeinschaftserziehung Waffen in die Hand zu geben und somit auch das Dasein unserer Schule zu gefährden."

Aufgrund der Verarmungsprozesse zum Ende der Weimarer Republik und des zu zahlenden Schulgeldes blieb aber die Zahl der Schüler(innen) und besonders der Kinder aus der Arbeiterschicht deutlich hinter den Erwartungen zurück.

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