Zeichen setzen für eine aktive Auseinandersetzung mit den dunklen Seiten der deutschen Geschichte

Rüthener Abiturienten gedenken ermordeter jüdischer Mitbürger anlässlich des Jahrestages der Befreiung des KZ Auschwitz

Betroffen hören die Jugendlichen dem Vortrag ihrer Mitschüler zu. Sie stehen vor der Rüthener Redaktion des „Patriot“ um einen Stolperstein, der an Clara Weiss erinnert. Am Ende der Vorstellung der 1943 in Auschwitz ermordeten Rüthenerin legen die Schülerinnen und Schüler des Friedrich-Spee-Gymnasiums nach jüdischem Brauch kleine Steine zur Erinnerung nieder. Sie symbolisieren, dass die Jugendlichen die Erinnerung an die Menschen wachhalten wollen. Zugleich möchten sie aber auch ein deutliches Zeichen für eine aktive Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust als dunkle Kapitel der deutschen Geschichte setzen.

Dieses Ritual wiederholt sich auch an den Stolpersteinen für Albert Stern, Sally Pollack, Willy und Leo Alexander und die Familie Pollack. Überall werden Ausgrenzung, Entrechtung, Ghettoisierung, Ermordung durch die antisemitischen NS-Politik ganz konkret am Schicksal der jüdischen Mitbürger deutlich: Von den ersten Boykottaktionen gegen Geschäfte wie der Metzgerei von Sally Pollack über die als „Arisierung“ bezeichnete Zwangsenteignung von Geschäften wie dem Viehhandel der Gebrüder Alexander, vom Raub des Privateigentums über die Ghettoisierung der letzten Rüthener Juden im „Judenhaus“ von Albert Stern bis zur Deportation in den Osten, wo sich die Spuren der Menschen in verschiedenen Ghettos und Lagern verlieren.

Die am jeweiligen Wohnort der (zuvor teilweise gut integrierten) Rüthener jüdischen Glaubens vorgetragenen Portraits machen nachvollziehbar, wie auch in Rüthen die Maßnahmen des NS-Regimes das Leben der jüdischen Mitbürger immer weiter einschränkten. „Wir haben in Büchern viel davon gelesen, aber es ist viel eindrucksvoller, wenn man an dem Ort steht, wo die Menschen gelebt haben und von ihrem Schicksal in unserer direkten Umgebung erfährt,“ bestätigt Lena Vorderwisch, die wie einige ihrer Mitschüler mit der Schule im vergangenen Sommer das KZ Auschwitz besucht hat.

Die Schüler des Geschichtskurs der Jahrgangsstufe Q2 beziehen mit ihrer Aktion auch bewusst Stellung gegen Forderungen des AfD-Politikers Björn Höcke, der mit Blick auf den Umgang mit dem Nationalsozialismus von einer „dämlichen Bewältigungspolitik“ spricht. „Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“, forderte der AfD-Politiker Höcke. Insbesondere gegen das Erinnern an die Verbrechen der Nationalsozialisten mithilfe des Holocaust-Mahnmals in Berlin – dem „Denkmal der Schande“ wie er es nennt -, wehrt sich der gelernte Geschichts- und Sportlehrer. Das sehen gerade die Schülerinnen und Schüler, die auf dem Weg nach Auschwitz auch das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas besucht haben, ganz anders: „Natürlich ist es wichtig, die positiven Kapitel der Geschichte zu kennen, aber wahrscheinlich lernt man eher aus Fehlern als aus Erfolgen“, erklärt zum Beispiel Sven Rarbach. Sein Mitschüler Daniel Arens fügt hinzu: „Vielleicht sollten wir als Deutsche gerade darauf stolz sein, dass wir uns auch mit den dunklen Kapiteln unserer Geschichte auseinandersetzen.“

Geschichtslehrer Christian Neuhaus zeigt sich von den differenzierten Diskussionen im Kurs und der Aktion der Abiturienten zum Holocaust-Gedenktag beeindruckt. Angesichts der Diskussion um die Rede Höckes ist es der Geschichtsfachschaft des Rüthener Gymnasiums ein wichtiges Anliegen, dass eine bewusste und engagierte Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte jede Form von Gewaltherrschaft beinhalten müsse. Der Einschätzung Höckes widerspricht auch die Fachschaftsvorsitzende Monika Pickmeier: „Wir erhalten regelmäßig auch von Menschen außerhalb unserer Schulgemeinschaft viel Lob für unsere Arbeit und sehen uns daher auf dem richtigen Weg.“ So arbeitet im laufenden Schuljahr eine Schülergruppe an einem Dokumentarfilm über den Massenmord an behinderten Menschen im Nationalsozialismus im Rahmen der so genannten „Euthanasie“. Seit Jahren bietet die Schule außerdem Fahrten zum Holocaust-Mahnmal, dem Haus der Wannsee-Konferenz, zur Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Niederhagen an der Wewelsburg oder zum ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau an. Daher betonen die Geschichtslehrer des FSG: „An diesen wichtigen Aspekten unseres Schulprogramms werden wir als „Schule ohne Rassismus-Schule mit Courage“ auch in Zukunft nicht rütteln.“

 

 

 

 

 

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